Ein Jahr

von Gitta Spandau

Mein Vater erzog mich sehr autoritär. Er stammte noch aus dem 19. Jahrhundert, so gerade noch jedenfalls. Er hatte selbst eine autoritäre Erziehung genossen, wahrscheinlich in verschärfter Form. Die Maxime seiner Erziehung waren Gehorsam, Fleiß und Ordnung, und davon wich er in keinem Fall ab. Mein Bruder und ich lernten damit zu leben. Später, als wir älter waren und mitbekamen, was unsere Freunde durften, spezialisierten wir uns darauf, durch die Maschen in seinem Erziehungssystem, zu schlüpfen, nicht um ungehorsam zu sein, sondern um existieren und ein eigenes Leben wenigstens ansatzweise führen zu können.

 

Ich machte mein Abitur. Ein Studium war zwar für mich vorgesehen, aber nicht das, welches ich mir gewünscht hatte. Schnell sollte es gehen und nicht zu teuer werden.  Denke ich heute zurück, glaube ich, an so etwas wie Vorbestimmung.

.Ich ging also zum Pädagogikstudium – damals das kürzest mögliche – nach Weilburg. Ich war gewiss nicht traurig, von zu Hause wegzukommen, ganz im Gegenteil. Ich freute mich geradezu unheimlich darauf, endlich in den Genuss der großen Freiheit zu gelangen. Es machte mir auch gar nichts aus, in einem Wohnheim in einem Zimmer von neun qm zusammen mit einer mir bis dahin vollkommen fremden Kommilitonin zu hausen. Das war alles nur Äußerlich. Was zählte, waren die neuen Lebensbedingungen, die ich mir nun würde schaffen können.

 

Zum Immatrikulationsball zu gehen zum Beispiel, ohne fragen zu müssen, ob ich mein bestes, wenn auch einziges Cocktailkleid anziehen dürfe und wann ich wieder zuhause sein müsste. Keiner würde die Stirn in Falten ziehen, wenn ich etwas von meinem gerade gekauften Lippenstift auflegte. Keiner würde sagen: „Wie siehst du denn aus! Das hast du doch nicht nötig.“ Und wie ich es nötig hatte! Mein Nachholbedarf war riesig. Endlich konnte ich nun alles ganz allein entscheiden. Das waren einige der Perspektiven, von denen ich immer geträumt hatte.

 

Der „Immi Ball“ hatte es aber dann doch ganz gewaltig in sich. Ich lernte einen jungen Mann kennen, und wandelte ganz plötzlich auf dicken weißen Wolken. Ein Gefühl, wie ich es vorher noch nie gespürt hatte, bemächtigte sich meiner. Flugzeuge im Bauch waren gar nichts. Mein Eingeweide schienen Rock und Roll zu tanzen, um dann gleich in wiegende Walzerschritte überzugehen. Mir war heiß und kalt zugleich. Ich war hungrig und satt in einem.

Als ich jenen jungen Mann am nächsten Tag in der Uni wieder sah, wurde ich so verlegen, dass keine Silbe über meine Lippen kam. Das geschah mir sonst nie. „Ein kleiner Flirt ist doch etwas Edles,“ hatte ich immer vor meinen Freundinnen geprahlt. Warum war alles plötzlich so anders? Von der folgenden Vorlesung habe ich nichts mitbekommen, trotzdem nahm ich eine Erkenntnis mit nach Hause: „Du hast dich verliebt! Verliebt, mit allem, was dazugehört.“

Die zum Verliebtsein gehörige Leidensphase dauerte nicht allzu lange. Mich hatte es wohl nicht allein erwischt. Eine Fahrt in einem uralten VW-Käfer, wir beide als Mitfahrer auf der Rückbank. Die Fliehkraft muss auf jener kurvenreichen Strecke unheimlich und übernatürlich groß gewesen sein. Unsere Körper wurden in jeder Kurve immer heftiger aneinander gedrückt. Unsere Hände fanden sich ganz automatisch. Sprechen brauchten wir nicht, zumindest nicht mit dem Mund Unsere Augen hatten ihre eigene Sprache entdeckt. Vielleicht haben sich unsere Kommilitonen auf den Vordersitzen gewundert, Wir haben davon jedenfalls nichts mitgekriegt.

Von jenem Tag an waren wir jede mögliche Sekunde zusammen. Sehr bald waren wir uns aber einig darüber geworden, dass unser Studium unter unserem Glücklichsein nicht leiden durfte, denn wir wussten beide, dass wir nur sechs Semester für unser Studium zur Verfügung hatten, weiter reichte weder mein noch sein Finanzierungsplan. Mein Taschengeld war von meinem Vater äußerst knapp bemessen worden. Seine Geldmittel waren noch knapper. Doch das war alles nur Äußerlich.

 

Die Zeit verging wie im Flug. Unser einjähriger  Kennenlerntag stand kurz bevor. „Morgen gehen wir aus, was meinst du ?“ fragte er mich eines Abends. Ich wusste genau, was morgen für ein Tag war. Ich freute mich wie ein kleines Kind auf Weihnachten, nicht auf irgendwelche Geschenke, sondern einfach nur darüber, dass er daran gedacht hatte, zeigte es mir doch, dass dieses Jahr genau so wunderbar wichtig für ihn gewesen war wie für mich.

 

Nach der Freude über eine Einladung kommt bei den meisten Frauen die Sorge um das richtige Outfit. Ich bin da ganz und gar keine Ausnahme. Mein Spind, ja das war wohl der zutreffende Name für das Behältnis, das zur Aufbewahrung von Kleidung, Wäsche, Schuhen und allem anderen Kram, der nicht frei im Zimmer herumstehen sollte, diente, hatte nicht viel zu bieten. Ein paar Pullis, ein paar Jeans, ein, zwei Röcke und ganz hinten, noch in Plastikfolie gehüllt, mein Examenskleid, dunkelgrau mit Veilchenstrauß, noch ganz jungfräulich, aufgespart für die offiziellen Examina. Papa hatte es erst vor kurzem spendiert und war dabei wohl über seinen eigenen Schatten gesprungen, so hübsch war es ausgefallen. Ich befand das morgige Ausgehen als durchaus angemessenen Anlass zur Premiere für das neue Kleid. Ich wollte einfach schön sein für meinen Schatz.

Wir hatten uns für Nachmittag um drei Uhr verabredet. Mindestens eine halbe Stunde früher stand ich gebügelt und gestriegelt oben an der Mauer unseres Wohnheimhofes. Von dort konnte ich ihn kommen sehen. Die halbe Stunde wurde zur Ewigkeit, doch dann sah ich ihn im Sturmschritt den Berg zu mir heraufkommen. Mein Herz klopfte wie wild und gleichzeitig glaubte ich, es würde gleich stehen bleiben. Meine Füße liefen von ganz alleine los und wurden trotz Stöckelschuhen immer schneller. Ganz außer Atem lagen wir uns kurze Zeit darauf in den Armen. Glückseligkeit war für die Beschreibung dieses Augenblickes wohl noch untertrieben. Die Welt um uns war ausgelöscht.

Eng umschlungen gingen wir den Berg wieder hinunter in die Stadt. Der Kellner in unserem Lieblingscafé empfing uns als wären wir der König und die Königin von Weilburg. Jedenfalls kam es mir so vor. “Unser Tisch“ war noch frei. Mein Herzensschatz gab die Bestellung auf: „Ein Piccolo und zwei Gläser , kam es etwas heiser, aber trotzdem ganz selbstverständlich aus ihm heraus. „Und eine Vase für die schöne Rose, antwortete der Ober und zeigte auf die Blume, die ich nervös in meinen Händen hin- und herdrehte. Kurz darauf erschien er wieder und servierte uns unser Sektfläschchen  in einem silberfunkelnden Sektkühler. Bestimmt hatte er eine Extraportion Eis unten hineingegeben, damit das kleine Ding oben über den Rand herausschaute. „Wie es aussieht wird hier etwas gefeiert“, lächelte er. „Ich gratuliere ganz herzlich“. Fachgerecht und souverän öffnete er unser Piccolochen und goss in jedes der beiden Gläser nur ein kleines Schlückchen, damit wir später noch einmal nachschenken konnten. Mit einem „Wohlbekomm’s“ zog er sich zurück. Wir ließen unsere Gläser an einander klingen, schauten uns an, wünschten uns, dass dieser Augenblick nie zu Ende gehen möge und redeten über Dinge, die ein Außenstehender bestimmt für absoluten Schwachsinn gehalten hätte. Beim Bezahlen versicherten wir unserem Ober, dass wir genau in einem Jahr , wiederkommen würden, zur feierlichen Sektzeremonie. Dann würden bestimmt zwei Rosen in der Vase stehen.

Genau so haben wir es dann auch gemacht. Im dritten Jahr feierten wir dann woanders, weil unsere herrliche Studentenzeit abgelaufen war. Wir hatten unser Zeitlimit eingehalten. Wir waren damals beide bereits „fertige“ Lehrer. An unserem dreißigsten Hochzeitstag waren wir  noch einmal in diesem Café, aber der alte Zauber war nicht mehr da, vielleicht auch, weil es den so verständnisvollen Ober nicht mehr gab.

In unseren Eheringen steht das Datum jenes schicksalsträchtigen, kurvenreichen Tages. Und wir feiern ihn auch heute noch, und meistens mit einem kleinen Sektfläschchen in einem silberglänzenden Sektkühler mit so viel Eis, dass das Fläschchen auch herausgucken kann.

 

(c) Gitta Spandau 2002